Lieber Anton,

 

ich hoffe, dass du mir diese Anrede nicht übelnimmst. Es zeugt nicht von fehlender Wertschätzung, wenn ich dich duze. Über die Recherchen begriff ich dich mehr und mehr nicht als Fremden oder einen Fall. Du kamst mir immer näher, sodass ich dir wie einem alten Bekannten das Du anbot. Es wäre schön, wenn du es annehmen könntest.

 

Als ich 22 Jahre alt war, arbeitete ich mit alten, kranken oder behinderten Menschen. Obwohl der Job nicht besonders gut bezahlt war, machte er Spaß, auch, weil ich mit meinen Patienten immer wieder herzlich lachen konnte. Du merkst schon, dass es Gründe gibt, weshalb die Recherchen zu deinem Leben über historisches Interesse hinausgehen. Trotz des schmalen Gehaltes konnte ich mir eine kleine gemütliche Wohnung leisten, hatte viele Freunde und freute mich auf Urlaubsreisen.

 

In dem Alter bist du auch gereist, alleine, von Weiden zuerst nach Pilsen in Österreich-Ungarn, von dort nach Russland. Deine Wohnung wurden Kasernen und Soldatenunterkünfte, dein Bekanntenkreis andere Soldaten, die wie du eingezogen wurden oder sich freiwillig gemeldet hatten. Ihr wart eine Schicksalsgemeinschaft. Freundschaften zu ihnen waren eher heikel, dazu starben viele zu schnell auf brutale Art und das hätte bei einem Freund noch mehr wehgetan. Über die Höhe deines Soldes machtest du dir vermutlich wenig Gedanken, im Vordergrund stand, in diesem Grauen irgendwie überleben zu können. Wurdest du verwundet oder warst du in dem Lazarett, weil deine Gefühle, dein Verstand den Wahnsinn nicht mehr fassen konnten? Tagtäglich Morden, zerfetzte Körper, überall blutige Erde, Wimmern, Todesschreie, Schmutz, Leichengeruch, dazwischen das markige Geschrei der Offiziere, die dich vorantrieben, um so zu enden wie deine Kameraden? Du musstest gehorchen, fühltest dich ausgeliefert, hilflos, wusstest nicht, ob du vielleicht nicht im nächsten Augenblick selber zerfetzt oder verstümmelt im Dreck liegst. Dieses Ungewisse, diese Hilflosigkeit setzte dir vermutlich am meisten zu.

 

Körperlich hattest du den Krieg unversehrt überstanden, die inneren Wunden durch die Horrorbilder des Krieges blieben. Aber die sah keiner. Die wollte auch keiner sehen. Vielleicht hattest du sogar mal versucht, über deine inneren Wunden zu sprechen? Ich weiß, niemand wollte dir zuhören. Wenn überhaupt jemand reagierte, dann höchstens mit Bemerkungen wie „das wird schon wieder“ oder „die Zeit heilt alle Wunden“. Du warst ja nicht dumm. Schnell hattest du begriffen, dass es eben nicht schon werde und du dich auf die Zeit auch nicht verlassen konntest. Die Bilder, der Horror blieben in deinem Kopf, das Schrecken, das Entsetzen, die schlimmen Bilder begleiteten dich ununterbrochen. Aber dir war ebenfalls schnell klar, dass du zu funktionieren hattest wie alle anderen, wenn du nicht von der Gesellschaft, für die du Jahre deiner Jugend opfern und dein Leben riskieren musstest, ausgestoßen werden wolltest.

 

Du warst nicht schwach, musstest zwangsweise schon in deiner Kindheit Verluste verkraften. Dein Vater Wenzel starb, da warst du gerade vier Jahre alt. Nun musste deine Mutter Katharina sich mit dir und deinen Geschwistern Elise und Johann alleine durchschlagen, was bestimmt nicht einfach war, auch finanziell betrachtet. Trotzdem hattest du es geschafft, dir eine gute Basis für die Zukunft aufzubauen, als du wie dein Vater Schlosser wurdest. Schlosser wurden immer gebraucht, vor allem in der Zeit der Dampflokomotiven. Das versprach eine sichere Zukunft, zumal es ja in Weiden das Eisenbahnausbesserungswerk gab. Dann kam der Krieg. Du ließest dich nicht unterkriegen, fingst nach Kriegsende in dem Weidener Eisenbahnausbesserungswerk wieder an als Schlosser zu arbeiten. Ein krisenfester Job, für damalige Verhältnisse gut bezahlt, sahst gut aus, im Prinzip beste Voraussetzungen für Heirat und Gründung einer Familie. Aber du bliebst ledig. Verhinderte der Horror aus dem Krieg eine Beziehung, war es dir deshalb nicht möglich, dich zu binden? Hattest du darunter gelitten, dass du deutlich merktest, dass etwas mit dir nicht stimmt und dich deshalb zurückgezogen?

 

Dann geschah auf Arbeit 1924 ein Betriebsunfall. Später bagatellisierten die Ärzte den Unfall, für dich war der Unfall keine Bagatelle, sondern extrem bedrohlich. Problematisch war nun, dass alles aus dem Krieg in deinem Kopf steckte, dein inneres Schutzschild dadurch bereits zerstört war. Die neue Bedrohung konnte so ungehindert eine große Wunde reißen und du hattest nicht mehr die Möglichkeit und Mittel, dein Ich mit deinen Gefühlen, Gedanken, Ratio zu schützen. Es zog dir den Boden unter den Füßen weg. Dir fehlten Strategien, deine inneren Wunden, deine psychische Erkrankung alleine zu bewältigen, irgendwie damit umzugehen. Mit 32 Jahren warst du nicht mehr arbeitsfähig. Die Reichsbahn-Versicherungsanstalt sprach dir zwar eine Invalidenrente zu, aber das war für dich auf Dauer keine Option. Du wusstest, dass mit dir was nicht stimmt, hattest erkannt, dass du krank warst. Schließlich gingst du freiwillig in eine psychiatrische Einrichtung, denn dir war bewusst, dass du dringend Hilfe brauchst. In einem sicheren Umfeld könnten deine unsichtbaren Wunden ja vielleicht heilen.

 

Hätten die Ärzte damals das Krankheitsbild der PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung, gekannt, wären sie vermutlich zu einer anderen Diagnose gekommen. Sie kannten diese Erkrankung aber nicht. Alle psychischen Erkrankungen haben sehr ähnliche Symptome. Menschen mit einer Schizophrenie zeigen in akuten Phasen aber normalerweise keine Krankheitseinsicht. Du hattest sie. Was sagtest du? „Mir fehlt es im Kopf“. Deine Einschätzung war sehr richtig und klar, denn wenn man sich nicht sicher zeitlich und räumlich orientieren kann, Konzentrationsmängel hat, völlig verunsichert ist, auch in der Kommunikation mit anderen Menschen, und kein Mittel findet, um seine Probleme in den Griff zu bekommen, dann fehlt eindeutig etwas.

 

Nein, du bekamst keine Hilfe. Für die Ärzte warst du einfach verblödet und läppisch, was dir auch immer wieder, auch ganz direkt, mitgeteilt wurde. Ständig wurdest du weiter verunsichert, weil man unentwegt dein Verhalten kritisierte, dich mit allen Mitteln disziplinierte, nie deine Grenzen akzeptierte, sogar dann, wenn du willig und bestens aufgetragene Arbeiten erledigt hattest. Du musstest sedierende Medikamente ertragen, die dich äußerlich ruhig stellten, die inneren Spannungen unerträglich steigerten und Anfälle auslösten, Isolierung in kargen Einzelzellen, Fixierungen, stundenlange Zwangsbäder in heißem oder eiskalten Wasser. Jede Gewalt gegen dich riss in deinem Inneren neue Wunden, verschlimmerten die Symptome deiner Erkrankung.

 

Dabei waren die Zustände in den Anstalten auch so schon verheerend. Keine Intimsphäre in den großen Schlafsälen, wo für die 40 bis 60 Patienten gerade Platz genug für ein Bett war. Keine Rückzugsmöglichkeit, kein Privatbesitz, keine persönlichen Dinge, oft nicht einmal eigene Kleidung, sondern Anstaltskleidung. Die sanitären Einrichtungen reichten selten aus, waren in der Regel stark verschmutzt. Das Essen wurde stetig schlechter und knapper, weil die Verpflegungsätze immer weiter gekürzt wurden. Ein sicheres Umfeld sah anders aus.

 

Eine Weile hattest du auch versucht, dich gegen diese Zustände, Machtmissbrauch und Gewaltmaßnahmen zu wehren mit den dir zur Verfügung stehenden Mittel. Es war dein gutes Recht, deinen Peinigern diente es als Vorwand, dich noch stärker zu demütigen, zu erniedrigen, zu entwürdigen, zu entrechten. Oder du wurdest einfach in die nächste Station oder Anstalt abgeschoben. Du gabst nicht auf, versuchtest dir einen Rest an Menschenwürde zu bewahren, indem du beispielsweise deine Körperhygiene nie vernachlässigt hattest. Das gelang vielen deiner Leidensgenossen nicht.

 

In der Anstalt erfuhrst du, dass 1938 deine Mutter und mit ihr wieder ein Stück deiner Sicherheit starb. Von ihr verabschieden konntest du dich nicht. Ich bezweifle, dass jemand auf die Idee kam, dich tröstend in den Arm zu nehmen. Im November 1940 herrschte bei deinen Pflegern große Aufregung und Hektik. Spätestens am 13. und 14.11.1940 erfuhrst du warum, als die grauen Busse mit den blinden Scheiben, damit niemand ins Businnere sehen kann, vor der Anstalt standen. Wer auch nur halbwegs bei Verstand war, wusste, was es bedeutete. Vielleicht hattest du ja sogar beobachtet, wie deine Mitpatienten von den weißbekittelten Mordhelfern in den Bus verfrachtet wurden. Die waren nicht zimperlich. Wer nicht schnell genug spurte, bekam es zu spüren. Warst du gerettet? Nein! Am 20.1.1940 gerieten wieder deine Pfleger in Panik und am 22.1.1940 erschienen die Busse. Diesmal musstest auch du einsteigen.

 

Du wolltest dein Leben nicht wegwerfen, bliebst erstaunlich ruhig und verhieltest dich an die Situation angepasst. Das war bewundernswert, zeigte deine Stärke, die du trotz deiner schweren Krankheit hattest. Die Busse fuhren mit dir zur Heil- und Pflegeanstalt Günzburg, eine Sammelanstalt für den Weitertransport in die Zwischenanstalten oder Mordfabriken, aber nur, um dort weitere Patienten zuzuladen. Die Listen der Mörder hatten nicht gestimmt, es fehlten Patienten, um die Kapazität der Gaskammer, die für 70 Menschen ausgelegt war, auszunutzen. Dann ging es weiter zur Mordfabrik Grafeneck. Eingesperrt in diesen Bussen konntet ihr nicht einmal aus den Fenstern sehen und natürlich bekamt ihr während der Fahrt keine Verpflegung, nicht einmal zu Trinken. Und du? Weiterhin verhieltest du dich situationsgemäß, unauffällig. Wenn du jetzt ermordest wirst, dann wenigstens in Würde. Ein Wunder trat ein. Du und drei andere Männer mussten nicht in die Gaskammer. Ausgerechnet der I. Weltkrieg, der dich so krank gemacht hatte, rettete dir jetzt das Leben. Deine 71 Leidensgenossen wurden mitleidslos vergast. Nein Anton, du warst nur krank, irre war diese Ausgeburt der Menschheit, diese tollwütigen Bestien, die ohne mit der Wimper zu zucken wehrlose Menschen ermordeten.

 

Man brachte dich mit vier anderen Teilnehmern des I. Weltkrieges in die Zwischenanstalt Zwiefalten, von dort in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Kaufbeuren schickte dich in die Zweigstelle Irsee, wo die Langzeitpatienten und angeblich hoffnungslosen Fälle untergebracht wurden. Damit warst du nicht in Sicherheit, im Gegenteil. Bereits ab dem Sommer 1942 bekamst du nicht genug zu essen. Gleichzeitig wurde dir vorgeworfen, dass du zu wenig arbeitest. Wie solltest du denn für diese Menschenschinder ausreichend arbeiten, wenn du ständig Hunger hattest und dir dadurch die Kraft genommen wurde? Als du in die erste Anstalt kamst, warst du in einer guten körperlichen Verfassung, sahst gesund aus. Das wurde so in deiner Krankenakte geschrieben. Jetzt hattest du drastisches Untergewicht und Hungerödeme.

 

Ab dem 5.5.1943 hieß einer deiner Mitpatienten Ernst Lossa. Der Junge durchschaute, wie in dieser Anstalt die Patienten gezielt umgebracht wurden. Kanntest du ihn? Hatte er auch dir manchmal heimlich Nahrungsmittel zugesteckt, die er geklaut hatte? Wir werden es nie erfahren. Zeugen gibt es keine mehr und Ernst Lossa wurde am 9.8.1944 ermordet.

 

Im Sommer 1943 warst du völlig arbeitsunfähig und nun wurden drastische Maßnahmen ergriffen. Für die Nazis waren nicht arbeitsfähige Menschen unnütze Fresser. Statt dir mehr Essen zu geben, dass du wieder arbeitsfähig wirst, setzte man dich auf Hungerkost. Wenn du rebelliertest, wurdest du in eine Einzelzelle gesperrt. Das nannten sie isolieren. Ab Dezember 1943 hattest du kritisches Untergewicht, warst in akuter Lebensgefahr. Die Hungerkost überlebten die Patienten in der Regel allerhöchstens drei Monate. Aber du warst ein Kämpfer, wolltest Leben. Fünf Monate hattest du gekämpft und am 17.5.1944 mit 52 Jahren endgültig verloren.

 

An deinem Todestag hatten angeblich laut Krankenakte deine Mörder dich röntgen lassen, um sich deine Gewichtsabnahme erklären zu können und wollen dabei eine Lungentuberkulose im fortgeschrittenem Stadium festgestellt haben, woraufhin sie dich isolieren mussten. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie mit Luminal nachgeholfen hatten, dein Leben zu beenden. Denn dieses Schlaf- und Narkosemittel verflachte die Atmung, sodass als Folge Infektionen der Lunge auftraten.

 

Zehn Tage nach deinem Tod schickten deine Mörder an deine Eltern ein Telegramm, dass du lebensgefährlich erkrankt seist. Erstaunlicherweise kam das Telegramm zurück. Sie waren sogar zu dumm, um zu lesen, sonst hätten sie gewusst, dass deine Eltern bereits seit Jahren verstorben waren. Am gleichen Tag schickten sie auch ein Telegramm an deine Schwester, um ihr deine Beerdigung mitzuteilen. Deine Geschwister hatten sich immer um dich gesorgt, nach dir erkundigt, und wurden stets mit hohlen Phrasen abgespeist. Es machte aus Sicht der Mörder Sinn, ihnen erst am 27.5.1944 das Telegramm mit dem Beerdigungstermin zu schicken, die angeblich am selben Tage stattfand. So umging man, dass deine Geschwister hinkommen und vielleicht darauf bestehen könnten, dich noch einmal sehen zu wollen. Dann hätten sie feststellen können, was man dir antat. Übrigens wollen sie dich auch am selben Tag obduziert haben, um eine natürliche Todesursache, die Lungentuberkulose, festzustellen. Viel Mühe, deinen Mord zu vertuschen, gaben sich die Mörder nicht.

 

Solltest du dich, Anton, für deine psychische Erkrankung schämen. Nein! Die Scham muss die Seite wechseln. Du hattest nie um deine Erkrankung gebeten oder sie selbst verschuldet, hast gekämpft und alles richtig gemacht. Wir müssen uns schämen. Ich schäme mich, dass es in meinem Beruf derart entmenschlichte, abartige, sadistische Monster gab. Es ist keine Entschuldigung, dass man damals nichts von der Erkrankung PTBS wusste. Auch ohne dieses Wissen wäre es möglich gewesen, dich gewaltfrei und anständig zu behandeln.

 

Für mich war es in der Pflege immer wichtig, den Menschen nicht als Patienten, Nummer oder Objekt zu sehen, sondern seine Individualität, seine Persönlichkeit und ihm die Lebensfreude zu erhalten und möglichst zu fördern. Das waren die schönen Augenblicke in meinem Beruf, wenn ich herzhaft mit meinen Betreuten lachen konnte. Du hattest auch sehr viel gelacht, was man dir ankreidete, aber es war nie das Lachen, das ich meine. Dein Lachen zeigte deine Verzweiflung, nicht erklären zu können, worunter du leidest. Dein Lachen war ein Ventil, um nicht deine Pein herausschreien zu müssen oder deine Peiniger anzubrüllen. Dein Lachen schmerzte.

 

Ich kann nichts ungeschehen machen, nichts wieder gutmachen. Das einzige, was ich tun kann, deine Geschichte zu erzählen, als Mahnung, damit nie wieder so etwas geschieht. Ich wünsche mir, dass deine Heimatstadt Weiden, in der du geboren und aufgewachsen bist, sich an dich erinnert. Darum möchte ich, dass für dich ein Stolperstein verlegt wird, nicht nur zum Gedenken, sondern damit du, wenn auch viel zu spät, Gerechtigkeit erfährst, dir deine Würde zurückgegeben wird.

 

Deine Heidrun

(Pflegekraft und Pflegelehrerin)

 


 

Zur Info: die Recherche ist umfangreicher. Seine Krankenakte habe ich sehr genau studiert. In dem Brief sind nur die wesentlichsten Punkte erfasst und ich bemühte mich, Fremdwörter oder Fachbegriffe zu vermeiden, damit ihn jeder verstehen kann. Diesen Stolperstein wünsche ich mir für Anton:

 

 


Erklärungen zur PTBS (PTSD) und PTR

 

Die medizinische Diagnose für die Symptome eines Traumas lautet PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) oder Englisch PTSD (posttraumatic-stress-disorder).

 

Die Pflegediagnose heißt PTR, (Posttraumatische Reaktion).

 

 

Die PTBS kann unmittelbar nach dem traumatischen Geschehen auftreten, aber auch mit mehrjähriger Verzögerung. Sie kann kurzfristig, aber auch über Monate, Jahre und Jahrzehnte bestehen bleiben und bewirkt Erlebens- und Verhaltensänderungen. Patienten oder Betreute, die durch eigenartige Verhaltensweisen auffallen, wurden oder werden häufig mit Psychopharmaka niedergeknallt. Sie werden als depressiv, psychotisch, dement oder verwirrt bezeichnet.

 

Definition der PTBS

Viele Menschen litten noch Jahre, manche für immer, seelisch unter ihren Erlebnissen. Dabei bemerkten sie es selber häufig nicht und konnten sich ihr abweichendes Verhalten oder Störungen nicht erklären. Sie hatten ein seelisches Trauma erlitten, also eine tiefgreifende seelische Verletzung oder schweren Schock, wo ihre Bewältigungsstrategien (Copings) nicht ausreichten, um ein Ereignis zu verarbeiten. Nach der internationalen Klassifikation der WHO wird ein Trauma so beschrieben:

 

Die Betroffenen sind einem kurz oder langanhaltenden Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde.

 

Die deutsche Definition lautet:

 

Als traumatischer Stressor werden Ereignisse angesehen, die zusammenhängen mit Tod, befürchtetem Tod, ernsthaften Verletzungen oder einer Bedrohung der körperlichen Integrität.

Das Ereignis kann eine direkte Erfahrung sein, es kann miterlebt oder es kann ein Ereignis sein, von dem man erfahren hat.

Die Reaktion auf den Stressor war verbunden mit starker Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen.

 

 

Nicht jede schlimme Erfahrung oder belastendes Ereignis führt zu einer PTBS. Vielleicht hilft diese grobe Skizze, den Unterschied zu erkennen. Das Ich besitzt starke Schutzschichten. Dazu gehört als Puffer auch das soziale Umfeld. Die innere Schutzschicht wird verstärkt durch vorhandene Copings (Bewältigungsstrategien). Eine seelische Belastung, wie beispielsweise Trauer oder Verlust, verletzt zwar die äußere Schutzschicht, das Ich bleibt intakt. Ohne Copings könnte sich die Belastung zur PTBS entwickeln. Bei der PTBS werden alle Schutzschichten durchbrochen und das Ich verletzt.

 

 

 

Im I. Weltkrieg gab es Offiziere und Berufssoldaten. Der Puffer soziales Umfeld bestand zu einem gewissen Teil aus der Armee. Für die Soldaten, die durch den Krieg mehr oder weniger freiwillig in die Armee kamen, war bereits eine seelische Belastung vorhanden durch den Verlust des sozialen Umfeldes. Kamen nun schlimme Erfahrungen wie z.B. eine Existenzbedrohung dazu, war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass die vorhandenen Copings nicht ausreichten und das Ich massiv und umfassend verletzt wurde. Das erklärt, warum es so viele traumatisierten Soldaten im I. Weltkrieg gab. Obwohl einzelne Forscher bereits die PTBS als Krankheitsbild erkannten, konnten sich ihre Erkenntnisse nicht durchsetzen. Im I. Weltkrieg wurden traumatisierte Soldaten als "Kriegszitterer" bezeichnet und galten für die meisten Militärärzte als Simulanten. Entsprechend brutal waren die "Behandlungs"methoden. Erst durch den Holocaust begriff man das Krankheitsbild und bemühte sich um angemessene Therapien. Die Ärzte und Pflegekräfte von Anton hatten von der Krankheit keine Ahnung, was aber keine Entschuldigung ist. Denn das Menschen menschenwürdig behandelt werden sollten, wussten sie. Und das fünfte Gebot kannten sie auch. 

Anatomische Veränderungen

 

 

Die PTBS wirkt direkt auf das Gehirn ein. Betroffen ist das Limbische System.

 

Das Limbische System in der Mitte des Gehirns umhüllt den Hirnstamm wie ein Saum (Bordüre, Borte, Rand, Saum lat.: limbus). Phylogenetisch (Phylogenese altgr. phýlon „Stamm“ und génesis „Ursprung“) ist das Limbische System einer der primitiven alten Teile des Gehirns. Es ist vor allem an emotionalen, triebhaften und auch intellektuellen Leistungen des Menschen neben anderen Regionen des Gehirns beteiligt.

 

Betreffs der PTBS interessieren in erster Linie die anatomischen Strukturen Hippocampus und Amygdala.

 

Im Hippocampus fließen Informationen verschiedener sensorischer Systeme zusammen, die verarbeitet und zur Großhirnrinde (Cortex) zurückgesandt werden. Der Hippocampus ist zuständig für die Speicherung expliziter Gedächtnisinhalte. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Erinnerungen. Bei Verletzungen oder Schädigungen dieser Hirnstruktur kann die Fähigkeit verloren gehen, neue Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis im Langzeitgedächtnis einzufügen. Das heißt, es kann zwar Neues erlernt werden, aber man weiß nicht, dass man eine neue Fertigkeit erworben hat.

 

Der Hippocampus beeinflusst die räumliche Orientierung. So können sich beispielsweise Menschen mit geschädigtem Hippocampus im Alltagsleben orientieren, sind aber nicht in der Lage, eine Wegbeschreibung abzugeben. Außerdem wirken sich Schädigungen des Hippocampus auch auf Emotionen und vegetatives Nervensystem aus. Es wurde festgestellt, dass bei PTBS-Patienten der Hippocampus häufig verkleinert, rückgebildet war. Traumata werden dort nicht oder wenig gespeichert. Dadurch gehen Kontextinfos eines Geschehens verloren, die Einordnung in Raum und Zeit ist also nicht mehr möglich.

 

Die Amygdala (abgeleitet von altgriechisch amygdalon = Mandel) wird aufgrund ihrer Form auch als Mandelkern oder lateinisch als Corpus amygdaloideum bezeichnet. In erster Linie besteht ihre Funktion in der Kontrolle der Emotionen und des emotionalen Gedächtnisses. Sie ist eine Schaltstelle im Gehirn zur Stabilisierung der Gemütslage und Steuerung der Aggression und des Sozialverhaltens. Ereignisse, die emotional sehr bewegend waren, werden bewertet, analysiert und abgespeichert.

 

Das emotionale Gedächtnis erlaubt das Wiedererkennen von möglichen Gefahren. In diesem Fall verarbeitet die Amygdala externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Somit ist sie wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt. Bei Verlust beider Amygdalae wäre ein Angstempfinden nicht mehr möglich, was zum Verlust lebenswichtiger Warn- und Abwehrreaktionen führen würde. Außerdem beeinflusst die Amygdala vegetative und sexuelle Funktionen.

 

Traumatische Geschehen werden übermäßig in die Amygdala gespeichert, also Speicherung impliziter, affektgeleiteter Gedächtnisinhalte. So werden mit dem Ereignis verbundene Sinnesreize an die Angstreaktion koordiniert. Normalerweise werden bei der Speicherung in der Amygdala das Kontextgedächtnis des Hippocampus mitaktiviert, sodass Situationen durch zeitliche und räumliche Orientierung als neu erkannt werden, von denen keine Gefahr ausgeht. Aber PTBS-Patienten haben nicht dieses Kontextgedächtnis im Zusammenhang mit dem Trauma. Also können situative Reize nicht gehemmt werden. Benachbarte Regionen vom Amygdala und Hippocampus können zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen werden, unter anderem das Sprachzentrum (beispielsweise Sprachlosigkeit im Schock). Die Folgewirkungen des Traumas richten sich nicht nach der äußeren, also objektiven Intensität des ursächlichen Ereignisses, sondern die innere, also subjektive Wahrnehmung ist ausschlaggebend.

 

Hat also jemand ein Trauma erlitten, weil sein Haus abgebrannt ist, kann der Anblick des Feuers bei ihm sofort die traumatischen Erinnerungsbilder an das brennende Haus auslösen und die damit verbundene Angstreaktion. Die Erinnerungsbilder können sogar bei gemalten oder stilisierten Flammen auftauchen. Konfrontation mit traumarelevanter Info:

 

 

Eingravierte Sinnesfragmente werden durch situative Reize in voller Stärke wiederaktiviert.

  • intrusive Erinnerungsbilder
  • Angstreaktion

Normalerweise wird Hippocampus blitzschnell mitaktiviert und erkennt die Situation als neu und nicht bedrohlich. Dadurch werden Amygdala und gerade anlaufende Angstreaktionen ausgebremst. Aber

 

PTBS-Patienten haben kein Kontextgedächtnis und somit kann die Angst nicht gehemmt oder abgeschwächt werden.

 

Ein Teufelskreis entsteht, denn das Trauma wird durch die erneuten Angstreaktionen nicht nur vertieft, sondern ein neues Trauma entsteht. Wahrnehmung des traumatischen Ereignisses als gegenwärtige Bedrohung aufgrund:

  1. Dysfunktionaler Interpretations - Schemata
  2. Trauma – Gedächtnis

Resultat sind Verhaltensweisen, die die Bedrohung reduzieren sollen, jedoch die Störung aufrechterhalten!

 

 

Ein Ereignis wie beispielsweise der Verlust des eigenen Hauses und des gesamten Eigentums durch ein Feuer kann ein Trauma auslösen. Doch zufällige Ursachen wie das Abbrennen des Hauses durch Blitzeinschlag, Naturkatastrophen oder beispielsweise ein Autounfall fallen zumeist gelinder aus. Anders verhält es sich bei Traumata, die von Menschen verursacht wurden. Brannte das Haus durch Brandstiftung ab, der Autounfall wurde vorsätzlich herbeigeführt, wird das Trauma tiefgreifender und schlimmer. Da diese existentiell gefährdeten Erfahrungen durch andere Menschen verursacht wurden, kommt zusätzlich das Weltbild ins Schwanken. Vergewaltigung, Folter, Krieg hinterlassen demnach massive Traumata. Besonders schwere Formen der PTBS sind die sogenannten „Kriegszitterer“, das KZ-Syndrom oder das Post-Vietnam-Syndrom (PVS).

 

 


 

 

 

 

 

Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!