Um es gleich vorneweg zu bemerken: den Begriff „Zigeuner“ lehnen wir entschieden als rassistisch, beleidigend und diskriminierend ab. Wenn überhaupt, wird es von uns als Z-Wort bezeichnet. Ursprünglich wurde das Z-Wort für Sinti und Roma benutzt. Es war nie eine Eigenbezeichnung dieser Volksgruppe, sondern immer eine abwertende Bezeichnung mit dem Ziel, Menschen zu diffamieren und auszugrenzen.

 

Ja, es gibt Sinti und oder Roma, die sich selber als „Zigeuner“ bezeichnen. Warum? Weil sie wissen, dass viele Leute in ihrem Heimatland Deutschland die Eigenbezeichnung Sinti oder Roma nicht kennen, damit nichts anfangen können. Dieses fehlende Wissen ist allerdings ausgesprochen peinlich, aber nicht für sie, sondern für unser Land, zu dem ihre Bevölkerungsgruppe seit über fünf Jahrhunderten gehört. Einige Sinti und Roma wählen das Z-Wort auch als Trotzreaktion. Ähnlich der Homosexuellen, die irgendwann das Schimpfwort aufgriffen und sich dann selber als Schwule bezeichneten. Benennen sich Sinti und oder Roma selber mit dem Z-Wort, ist es zu akzeptieren. Sich ihrem Sprachgebrauch anzupassen ist aber unangebracht.

 

Im Nationalsozialismus wurde das Z-Wort zum Sammelbegriff für alle Menschen, die nicht zur NS-Ideologie passten: Roma, Sinti, Jenische, Landfahrer, „Berber“, Tippelbrüder, Obdachlose. Sie wurden alle in einen Topf geworfen und als angebliche Asoziale und Arbeitsscheue ausgegrenzt, verfolgt, weggesperrt, gequält, misshandelt, ermordet. Mal eine kleine Randnotiz: Adolf Hitler hätte in seiner Wiener Zeit eindeutig genau zu den Menschen gehört, die er später als Asoziale definierte und verfolgen ließ.

 


 

Sinti und Roma

 

Man nimmt heute an, dass ursprünglich Sinti und Roma aus Indien, genauer aus der Gegend des heutigen Pakistan, stammten. Vermutlich mussten sie die Region als Kriegsflüchtlinge verlassen. Ihre Sprache Romanes oder Romani ist mit Sanskrit, der altindischen Sprache, verwandt. In Frankreich gehören zu den Sinti noch die Manusch (auch Manouches oder Manische). Sinti leben überwiegend in Westeuropa, Roma in Osteuropa. 

 

Von einer homogenen Gruppe kann man nicht reden. Sinti und Roma unterscheiden sich kulturell und religiös, auch bedingt durch die Regionen, in denen sie leben. Die Sprache ist das Bindeglied zwischen den Gruppen, weist allerdings auch zwischen Sinti und Roma Unterschiede auf und ist außerdem durch die jeweiligen Heimatländer beeinflusst. Sinti und Roma gehören in ihren Heimatländern zu den Minderheiten, zusammen sind sie die größte ethnische Minderheit in Europa.  

 

Sinti und Roma leben in deutschsprachigen Ländern seit etwa sechs Jahrhunderten und waren immer wieder Opfer von Ausgrenzung, Verfolgung und schrecklichen Pogromen. Integrationsbemühungen ihrerseits in die Mehrheitsgesellschaft wurden durch Ausschluss von Berufen und Bildung weitgehend verhindert, sodass ihnen gar nichts anderes übrig blieb, als in Bereichen tätig zu werden, die gesellschaftlich eher nicht anerkannt waren wie "fliegende" Händler oder in der Unterhaltung.  

 

Nach einer geschichtlich betrachtet kurzen Entspannungsphase nahmen die Restriktionen gegen sie wieder zu und führten im Nazi-Regime zum Völkermord. Schätzungsweise könnten etwa 500000 bis eine Million Sinti und Roma durch die Nazis ermordet worden sein. Verlässliche Zahlen gibt es bis heute nicht, weil beispielsweise aus den damals besetzten Gebieten keine genauen Bevölkerungszahlen existieren.

 

Nach Kriegsende standen die Überlebenden vor dem Nichts. Die Nazis hatten ihnen ihr Eigentum geraubt, Anträge auf Entschädigungen wurden abgelehnt. Noch 1956 erkannte der Bundesgerichtshof, unter anderem mit rassistischen Begründungen, diese Ablehnungen als gerechtfertigt an.

 

Die Diskriminierung ging weiter. Bereits 1946 wurde bei der Polizeidirektion München die „Nachrichtenstelle über Zigeuner“ oder kurz "Zigeunerpolizei" eingerichtet, die nach Rassismusvorwürfen zwischen 1947 und 1951 als "Nachrichtensammel- und Auskunftsstelle über Landfahrer" umbenannt wurde. 1949 wurde die „Bundeszentrale zur Bekämpfung der kriminellen Landfahrerei“, kurz "Landfahrerstelle" gegründet. In diesen Behörden arbeiteten auch Leute, die unter den Nazis an der Verfolgung der Sinti und Roma beteiligt waren. Eine diskriminierende Überwachung und sogenannte polizeiliche Maßnahmen gegen überlebende Sinti und Roma waren auch dadurch möglich, weil die "Landfahrerstelle" die Akten der Rassenhygienischen Forschungsstelle (RHF) der Nazis übernahmen. Die Nazi-Akten benutzte man für Personenauskünfte.

 

Erst 1982 erkannte die Bundesregierung den Völkermord an Sinti und Roma an. NS-Opfer kämpften teilweise weit über 30 Jahre um Entschädigungen, die oft genug nicht den verlorenen Vermögenswerten entsprachen, sondern eher Almosen glichen. Von einer Wiedergutmachung konnte man in dem Zusammenhang wahrlich nicht sprechen. Angesichts des erfahrenen Grauens war es auch gar nicht möglich. Es gibt wohl kaum eine heutige Familie bei den Sinti und Roma, in denen nicht wenigstens ein Angehöriger von den Nazis ermordet wurde. Das Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten ratifizierte 1997 auch die Bundesrepublik Deutschland. Damit erkannte die BRD die deutschen Sinti und Roma, die "seit Jahrhunderten traditionell heimisch" und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, als "nationale Minderheit" an. Nur die! Schutzsuchende Roma werden in der Regel abgeschoben.

 

Zur heutigen Situation der Sinti möchte ich die Bemerkung einer jungen Sinteza aus Weiden im Jahre 2026 wiedergeben: "Ich sage niemanden bis auf sehr sehr engen Freunden, dass ich eine Sinteza bin. Sonst werde ich gleich abschätzig gemustert."

 


 

Jenische

 

Jenische ist die Eigen- und Fremdbezeichnung für Angehörige einer Bevölkerungsgruppe in Mittel- und Westeuropa. Die Herkunft der Jenischen ist unklar. Mit Sicherheit begünstigte der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 die Entwicklung dieser Bevölkerungsgruppe. Durch diesen Krieg verarmten viele Menschen und oder wurden vertrieben. Dazu kamen die Soldaten und Marketender, die nach Kriegsende keine Arbeit fanden und heimatlos waren. Betroffen waren zumeist auch ihre Familien. In den Heeren gab es zu der Zeit keine Verpflegung für die Soldaten. Dafür mussten sie selber sorgen, was dazu führte, dass nicht nur feindliche Heere in den Regionen, durch die sie zogen oder stationiert waren, reichlich plünderten. Die Marketender begleiteten die Truppen und versorgten die Soldaten mit Waren und Dienstleistungen. Meist wird bei Marketenderinnen an Prostituierte gedacht, aber zu den Marketendern gehörten auch Barbiere, Metzger, Händler, etc. und oft die Frauen und Kinder der Soldaten. Der Tross der Marketender war nicht selten weitaus größer als das eigentliche Heer.

 

Entwurzelte, heimatlose, arme Menschen wurden durch die Lebensumstände zu einer nomadisierenden Lebensweise gezwungen, zum "fahrenden Volk", zu Landfahrern. Auch verarmte Juden schlossen sich an. Sie zogen übers Land und boten überall ihre Arbeitskraft, Dienstleistungen oder Waren an. Gesellschaftlich wurden sie als Hausierer, Ganoven, Landstreicher oder Bettler diskriminiert, geächtet und sehr oft vertrieben. 

 

Über die Jahrhunderte entwickelten die Jenischen eine eigene Identität, Kultur, Traditionen und Sprache, die dem Rotwelschen sehr ähnelt. Es gibt auch Jenische, die versuchen nachzuweisen, dass sie aus einem alten Volk abstammen und nicht aufgrund sozioökonomischen Bedingungen entstanden sind. Beweise dafür fehlen. Zu dieser Behauptung muss bemerkt werden, dass die Nazis eine ähnliche Ansicht vertraten, um die Jenischen als ethnisch-rassisch definieren zu können. Die rassische Einstufung war eine Voraussetzung für die Vernichtungsdeportationen.  

 

Bis heute ist unklar, in welchem Umfang und wie die Nazis die Jenischen verfolgten. Massendeportationen wie bei den Sinti und Roma gab es anscheinend nicht. Über Opferzahlen gibt es auch keine genauen Erkenntnisse. Bekannt sind zwei Einzelfälle. Der Krefelder Paul Prison wurde zwangssterilisiert, 1938 verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald und Groß-Rosen verschleppt, wo er 1942 ermordet wurde. Der 14-jährige Ernst Lossa kam als angeblicher Psychopath in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, wo er 1944 ermordet wurde. 

 

Nach 1945 gingen Ausgrenzung, Diskriminierung und Formen der Verfolgung wie bei den Roma und Sinti weiter. Die Vorurteile, dass Roma, Sinti und Jenische kriminell und asozial seien, bestanden weiter. 

 


 

Landfahrer und Obdachlose

 

Landfahrer, die nicht zu den Sinti, Roma oder Jenischen gehörten, Hausierer und Obdachlose wurden bereits ab 1933 verfolgt. Im September 1933 fand eine sogenannte Bettlerrazzia statt. Mehrere tausend Hausierer, Obdachlose und Schausteller wurden festgenommen und in Arbeitshäuser oder erste Konzentrationslager eingewiesen, wo sie als "Asoziale", "Arbeitsscheue" oder "Gemeinschaftsunfähige" Zwangsarbeit leisten mussten. In den Konzentrationslagern trugen sie anfangs einen braunen, später schwarzen Winkel. Durch die Aktion "Arbeitsscheu Reich" 1938 wurden in zwei Verhaftungswellen mehr als 10.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt, darunter auch Prostituierte. Nazi und Kriegsverbrecher Heinrich Himmler schätzte 1943, dass circa 70000 Menschen als "Asoziale", "Arbeitsscheue", "Berufsverbrecher" und "Sicherungsverwahrte" in KZ´s wären. Genau wie Sinti, Roma und Jenische wurden sie sehr lange nicht entschädigt und als NS-Opfer anerkannt. In der Regel litten die Überlebenden an Spätfolgen der KZ-Haft und lebten in bitterer Armut, geächtet und ausgegrenzt. 

 

Übrigens schaffte die Bundesrepublik Deutschland erst 1969 die Einweisung in ein Arbeitshaus durch Gerichte ab.

 


 

„Berber“

 

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