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Familie Blum
Die Familie Blum war in Weiden eine integrierte, unbescholtene und akzeptierte Familie. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich als Schausteller. Vermutlich besaßen sie als Familienunternehmen einen Zirkus. Das konnte bisher nicht restlos geklärt werden. Die Nazis machten die Familie jedoch zu „arbeitsscheuen Zigeunermischlingen“.
Karl Blum wurde am 10.1.1885 in Dolle, heute ein Ortsteil der Gemeinde Burgstall in Sachsen-Anhalt, geboren. Seine Eltern waren die Zirkusbesitzer Berthold Blum, verstorben 1929, und Alwine, geborene Fischer, verstorben 1892. Karl hatte vier Klassen der Volksschule besucht, was zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich war. Von 1905 bis 1908 leistete er seinen Militärdienst in der Kavallerie, den gesamten I. Weltkrieg diente er Deutschland als Frontsoldat in der Artillerie. Seine Beweggründe, 1937 in die NSDAP einzutreten, sind nicht klar. Vielleicht hoffte er so, seine Familie schützen zu können?
Er war mit Alma Blum, geborene Heilig am 1.6.1886 in Weiden, verheiratet. Das Ehepaar hatte acht Kinder: Alfred, geboren am 27.12.1906, Adelheid, geboren am 12.2.1910, Wilhelmina, geboren am 23.1.1911, Siegfried, geboren am 1.6.1914, Bernhard, geboren am 7.1.1917, Otto Georg, geboren am 18.5.1918, Rudolf Johann, geboren am 17.7.1919 und Johanna, geboren am 17.3.1922. Die Geburtsorte der Kinder richteten sich danach, wo die Eltern gerade gastierten. Wohnhaft war die Familie in Weiden, Rehbühl 78. Alle gehörten der katholischen Kirche an.
Nachdem für die Familie die Lage im Deutschen Reich immer bedrohlicher wurde, floh sie ins Ausland. Karl und Alma wurden am 17.1.1943 in Sofia in Bulgarien verhaftet und am 20.7.1943 in das KZ Auschwitz verschleppt. Obwohl die Nazis Alma als sogenannte „Arierin“ einstuften, wurde sie in das KZ Ravensbrück unter der Häftlingsnummer 48725 als „asoziale Zigeunerin überstellt. Die Kinder wurden wegen ihres Vaters alle als „Zigeunermischlinge“ bezeichnet.
Karl erhielt zuerst in Auschwitz die Nummer Z-8298, kam dann unter der Häftlingsnummer 74253 in das KZ Mittelbau-Dora, am 3.8.1944 in das KZ Buchenwald. Schwer gezeichnet vom KZ kehrten Karl und Alma nach ihrer Befreiung im Mai 1945 nach Weiden zurück. Dort mussten sie erstmal verkraften, dass nicht alle Familienmitglieder überlebt hatten.
Alfred, war von 1936 bis 1942 Mitglied der DAF. Die DAF stand für „Deutsche Arbeitsfront“ und war der NS-Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Gegründet wurde die DAF durch die Nazis nach der Zerschlagung der Freien Gewerkschaften. Alfred wurde mit seinen Eltern verhaftet. Vom KZ Auschwitz kam er in das KZ Buchenwald unter der Häftlingsnummer 74261 und am Schluss wieder in das KZ Auschwitz, wo er seine Befreiung erlebte. Nach seiner Häftlings-Personal-Karte in Buchenwald und Auschwitz soll er angeblich mit einer Franziska, geborene Lage, verheiratet gewesen sein und drei Kinder im Alter von 8-12 Jahre gehabt haben. Diese Angaben passen aber nicht zu seiner Meldekarte aus Weiden. Nach dieser heiratete er zum ersten Mal am 20.1.1939 in Zweibrücken eine Lieschen Franz. Diese Ehe wurde am 22.4.1942 geschieden. Alfred heiratete erneut in Weiden am 26.10.1945 Anna, geborene Gerste am 1.11.1911 in Hallstadt, mit der er fünf Kinder bekam. Nachforschungen im Arolsen Archiv und der Gedenkstätte Auschwitz ergaben bisher keinen Hinweis auf eine Franziska Blum und die drei Kinder. Eventuell war die Eintragung in den Konzentrationslagern falsch.
Über das Schicksal von Adelheid während der NS-Zeit sind bis jetzt keine Dokumente auffindbar. Bekannt ist, dass sie überlebte und heiratete und dann Richter hieß. Mit ihrem Mann bekam sie elf Kinder. Aus der Sterbeurkunde ihres Vaters geht hervor, dass sie bereits 1972 verstorben war.
Wilhelmina kehrte nicht nach Weiden zurück. Sie wurde 1944 in Auschwitz ermordet.
Auch Siegfried hatte der DAF angehört. Er war mit Elfriede Blum, geborene Claer verheiratet. Das Ehepaar hatte einen Sohn Axel, der 1942 auf der Flucht in Zagreb in Kroatien geboren wurde. Sie erwarteten ihr zweites Kind, als sie zusammen mit Karl und Alma verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden. Im KZ Auschwitz wurde ihre Tochter Katharina geboren. Beide Kinder wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Siegfried überlebte das KZ Auschwitz, KZ Buchenwald und KZ Mittelbau als Häftling Nummer 74249. Seine Frau, von den Nazis als „Arierin“ eingestuft, überlebte Auschwitz und das KZ Ravensbrück. Siegfried und Elfriede kehrten nach Weiden zurück. Auch wenn ihre Kinder Axel und Katharina nie in Weiden waren, gehören sie wie ihre Eltern zu der Stadt.
Bernhard überlebte verschiedene Konzentrationslager in Rumänien, in denen er von 1942 bis 1945 inhaftiert war und kam auch nach Weiden zurück.
Otto Georg war ab dem 7.8.1942 unter der Häftlingsnummer 30526 im KZ Dachau interniert. Von dort wurde er ins KZ Neuengamme verschleppt und dem Außenlager Salzgitter-Drütte als Häftling 8888 zugeteilt. Er wurde am 31.3.1945 Opfer des Massakers von Celle, auch zynisch als „Celler Hasenjagd“ bezeichnet. Der Häftlingszug wurde bei der Räumung des Außenlagers bombardiert und SS, aber auch Celler Bürger, unter anderem auch Jugendliche der Hitlerjugend, erschossen und oder erschlugen die durch den Bombenangriff entwichenen, völlig wehrlosen Häftlinge wie Tiere (siehe dazu Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege Wilhelmine Schmidt).
Rudolf Johann wurde am 13.6.1942 im KZ Dachau als Nummer 30419 registriert. Ob er den Naziterror überlebte, konnte bis jetzt nicht geklärt werden.
Johanna überlebte das KZ Ravensbrück mit der Häftlingsnummer 48726. Sie heiratete später Willy Grünholz.
Zeit, sich vom KZ zu erholen oder um die ermordeten Angehörigen zu trauern hatte die Familie Blum nicht. Sie standen vor dem Nichts und mussten sich eine neue Existenzgrundlage schaffen. Als Schausteller waren sie sehr bald wieder unterwegs. Lebten sie anfangs in Notunterkünften und Baracken, schafften sie es bereits 1961, ein Anwesen in Weiden in der Schweigerstraße 44a zu erwerben. Alma starb am 5.7.1966 in Dingolfing, wo sie gerade gastierten. Karl Blum starb in seinem Wohnwagen am 18.7.1972, als sie in Herrsching am Ammersee als Schausteller tätig waren.
Seine Kinder ließen ihn nach Weiden überführen. Vielen alten Weidenern blieb seine Bestattung in lebhafter Erinnerung, weil zu Karls Beerdigung über 200 Sinti aus ganz Deutschland anreisten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Turbanisch / Wally
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