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Kinder"euthanasie"
Als erstes vergriffen sich die Nazis an den Kindern. Pflegebedürftige Kinder waren wehrlos und in der Regel sehr kosten- und personalintensiv. Ärzte und Pflegekräfte benötigten die Nazis aber für ihre Kriegspläne. Bereits 1939 begann die sogenannte „Kinderaktion“, für die wenigstens 37 sogenannte
Wir versuchen, Opfer der Kinder"euthanasie" aus der Oberpfalz zu ermitteln. Sie dürfen nicht vergessen werden. Für jeden Hinweis auf die Opfer und Hilfe bei der Recherche sind wir ausgesprochen dankbar.
Brigitte Zinnbauer
Brigitte wurde am 5.10.1938 in Weiden geboren. Ihre Eltern waren Alois und Babette Zinnbauer. Sie hatte zwei ältere Schwestern. Ihr Vater war Arbeiter im Eisenbahnausbesserungswerk Weiden. Die Familie wohnte in der Unteren Bachgasse 13. Eigentlich für Kinder keine schlechte Adresse, denn nur wenige Häuser weiter begann ein Grünbereich, in dem Kinder ungefährdet spielen konnten. Wenn sie gesund waren.
Brigitte war nicht gesund, aber auch nicht behindert, sondern von Behinderung bedroht durch ihre Erkrankungen. Ab 1939 waren Ärzte, Hebammen und Krankenhäuser verpflichtet, Kinder mit Behinderungen an die zuständigen Gesundheitsämter zu melden. Im vorauseilenden Gehorsam geschah es aber bereits schon früher. Brigitte wurde nicht gemeldet, also lag auch keine Behinderung vor.
Sie hatte eine schlimme Krankheitsgeschichte, die man aber auch vor dem Hintergrund sehen muss, dass 1938 bereits die Kriegsvorbereitungen liefen, 1939 Lebensmittelkarten eingeführt wurden, die vorne und hinten nicht ausreichten. Ihr Vater verdiente als Arbeiter mit Sicherheit nicht so viel, dass die Eltern in der Lage waren, die fünfköpfige Familie ausreichend zu ernähren, egal, wie sie sich darum bemühten.
An Keuchhusten starben damals viele Kinder, obwohl es bereits ab 1933 Impfungen gab. Brigitte überlebte, genauso steckte sie Masern und Lungenentzündung weg. Dass es in diesem Alter nach solchen Erkrankungen zu Entwicklungsrückständen kommt, ist normal. Kinder können krankheitsbedingte Entwicklungsrückstände jedoch ganz schnell aufholen.
Schlimmer war eine ausgeprägte Rachitis, durch die sie nicht laufen lernte. Rachitis sorgt für eine sogenannte Knochenerweichung, große Wachstumsschmerzen und mangels Bewegung für Muskelschwund. Bereits im I. Weltkrieg litten viele Kinder an Rachitis und wurden erfolgreich mit Höhensonne, Vitamin D- und Kalziumgaben behandelt, ohne dass irgendwelche Folgen zurückblieben. Man hatte also mit Rachitis Erfahrung. Mit entsprechender Behandlung hätte man die Rachitis ohne weiteres in den Griff bekommen können. Dann hätte sie auch laufen können. Sie war ja auch im Alter von einem Jahr drei Wochen deshalb in einer orthopädischen Klinik in Augsburg. Nur in drei Wochen bekommt man keine Rachitis auskuriert, vor allem, wenn sich Ernährung und Lebensbedingungen nicht grundsätzlich verbessern. Warum wurde sie dort nur drei Wochen behandelt? War ihnen das Kind zu unruhig?
Ihre Unruhe lässt sich nicht nur durch die Rachitis erklären, sondern auch durch eine Mittelohrentzündung, die ausgesprochen schmerzhaft ist. Eine Mittelohrentzündung bekommen kleine Kinder sehr leicht. Im Gutachten hieß es, wenig fachlich ausgedrückt, Ohreiterungen und wiederholte Augenentzündungen. Ursache für Ohreiterungen sind Mittelohrentzündungen. Im Mittelohr sammelt sich dadurch Eiter an, bis das Trommelfell perforiert, das heißt, durch ein Loch im Trommelfell fließt der Eiter ab. Das kann zu Schwerhörigkeit oder Taubheit führen, muss aber nicht. Durch die Mittelohrentzündung war Brigitte anscheinend so beeinträchtigt, dass sie kaum etwas hörte und somit nicht sprechen lernte. Das hätte nicht bleiben müssen. Denn gerade bei Kindern ist das Trommelfell sehr dünn und kann sich, wenn es gut läuft, sogar alleine regenerieren. Von daher wäre es gewagt, davon auszugehen, dass eine Schwerhörigkeit oder Taubheit zurückbleibt. Die wiederholten Augenentzündungen sind darauf zurückzuführen, dass sich kleine Kinder, die Ohrenschmerzen haben, häufig an die Ohren fassen und es dabei nicht ausbleibt, dass sie von dort den Eiter in die Augen reiben.
Brigitte konnte nicht laufen, nicht sprechen und hatte Entwicklungsrückstände, was durch ihre Krankengeschichte erklärt ist. Es ist richtig, dass sie bei unzureichender Therapie von Behinderung bedroht war. Zu diesem Zeitpunkt jedoch davon auszugehen, dass sich zwangsläufig Behinderungen aus ihrer Krankengeschichte entwickeln, ist mehr als fragwürdig.
Es wäre sehr hilfreich gewesen, wenn ein Facharzt für Kinderkrankheiten sie behandelt hätte. Noch 1932 praktizierten in Weiden laut Adressbuch die Kinderärzte Dr. Blanda Hannemann und Dr. Eduard Morsheuser. 1938 gab es in Weiden keinen Kinderarzt mehr. Natürlich können auch Praktische Ärzte oder Hausärzte Kinder mitversorgen. Wenn aber wie bei Brigitte Komplikationen auftreten, wäre ein Facharzt für Kinderkrankheiten mehr als sinnvoll gewesen.
Am 3.Juli1942 erstellte der Amtsarzt von Weiden Dr. Rechl ein Gutachten über Brigitte und schickte es an den „Reichsausschuss“ in Berlin. Dieser Arzt behauptete auch, dass angeblich ihre Eltern nicht in der Lage wären, die Pflege für Brigitte zu leisten. Ob daran etwas Wahres ist, könnten nur sie beantworten. Der „Reichsausschuss“ ordnete die Einweisung von Brigitte in eine „Kinderfachabteilung“ an. Eine Fürsorgepflegerin, nicht Ihre Eltern, brachte Brigitte in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in die „Kinderfachabteilung“.
In einer Beobachtungszeit fertigte die „Kinderfachabteilung“ für den „Reichsausschuss“ Berichte an, bis diese eine „Behandlungsermächtigung“, ausgestellt am 19.10.1942, schickte. Diese „Behandlungsermächtigung“ war nichts anderes als ein Todesurteil. Die Ärzte der „Kinderfachabteilung“ wählten einen für sie geeigneten Zeitpunkt, um Brigitte zu ermorden.
Ihr wurde tagelang hochdosiert das Schlafmittel Luminal verabreicht, durch das die Kinder in einen Dämmerzustand gerieten und die Atmung massiv verflacht wurde. Dadurch bekamen sie eine Bronchitis und oder Lungenentzündung, an der sie schließlich starben. Durch dieses Vorgehen vertuschten die Ärzte ihre Morde, hatten Zeit für Verschlechterungsmeldungen und die Diagnose für einen „natürlichen Tod“.
Brigitte war eine Kämpferin, hatte in ihrem kurzen Leben so viel ertragen und weggesteckt – aber gegen die mörderischen Ärzte dieser Zeit hatte auch sie keine Chance. Am 3.12.1942 starb das vierjährige Kind, die offizielle Todesursache lautete Bronchitis. (Quelle Verena Rapolder, Archiv des Bezirks Oberbayern, Stadtarchiv Weiden Dr. Schott)
Leonhard Reil
Leonhard wurde am 4.5.1941 in Pesensricht, Landkreis Sulzbach-Rosenberg, geboren. Sein Vater war Otto Reil, der als Soldat im II. Weltkrieg umkam. Seine Mutter war in Stellung (Hof oder Haushalt). Deshalb war das Kind in einer Pflegefamilie untergebracht.
In seiner Akte war vermerkt, dass Leonhard ein lediges Kind gewesen sei und darum unter Amtsvormundschaft des Bezirksjugendamtes Sulzbach stand. Vermutlich hatten seine Eltern erst nach seiner Geburt geheiratet und Leonhard erhielt erst verspätet den Familiennamen Reil.
Bis jetzt ist ungeklärt, ob Leonhard ab Geburt oder später durch Krankheit erblindete.
Die Pflegeeltern hatten neun eigene Kinder und außer Leonhard ein weiteres Pflegekind. Die Verhältnisse dort wurden als "geordnet" beschrieben (Förderung?). Leonhard lernte nicht laufen (bekam er dazu die Chance?). Er soll an Fraisen gelitten haben, mehrmals Darmkatarrh, und ab und zu leichte Krampfanfälle (kann miteinander verbunden sein). Außerdem soll er zeitweise Schlafprobleme gehabt haben (er war blind!), soll zapplig und ständig in Bewegung gewesen sein (wieder die Frage nach der Förderung).
Ich frage mich natürlich, ob eine Familie mit elf Kindern ein blindes Kind fördern konnte, ob die Pflegeeltern überhaupt dafür geschult waren. Gesetzt den Fall, dass er gar nicht aus dem Bett kam, um nichts umzuwerfen oder sich zu verletzen, wäre es erklärbar, dass er nicht laufen lernte.
Eine Verfahrenspflegerin "begutachtete" das Kind am 2.4.1943. Am 7.4.1943 kam er nach Eglfing-Haar. Der Hammer von den Ärzten in Eglfing-Haar war eine ihrer Begründungen für die Rechtfertigung seiner Ermordung: der blinde Junge nahm keinen Blickkontakt auf!
Leonhard wurde an seinem zweiten Geburtstag am 4.5.1943 in Eglfing-Haar ermordet. (Quelle Verena Rapolder, Archiv des Bezirks Oberbayern)
Es wäre wichtig, Informationen zu finden über die Eltern, über die Pflegefamilie und den Verbleib der Mutter.
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