Pflegelehrer an einer staatlichen Berufsfachschule für Sozialpflege in Bayern


Problem der Fachlichkeit im Kollegium

 

Pflegelehrer sind „Praxis“lehrer. Sie sind für den praktischen Unterricht und Praxisbetreuung zuständig. Studienräte sind „Theorie“lehrer. Sie unterrichten die theoretischen Inhalte der Pflege, egal, was sie studiert haben. In der Regel haben sie keine Ahnung von der Pflege. Sie können aber mitreden, weil sie meinetwegen vier Wochen lang ein Praktikum in der Pflege absolviert haben. Sie haben also in einer Pflegeeinrichtung vier Wochen zugesehen und im Weg rumgestanden. Dadurch sind sie Pflegeexperten und können auch einem Pflegelehrer erklären, wie Pflege funktioniert. Dann bekommen Pflegelehrer Sätze um die Ohren wie: „Das bisschen Pflegetheorie kann ich mitunterrichten“.

  1. Problem ist ein Sprachproblem. Ein inkompetenter Studienrat versteht unter Pflegetheorie nämlich Anatomie, Physiologie, Krankheitslehre etc. Ein kompetenter Pflegelehrer versteht darunter eine der Disziplinen der Pflegewissenschaft. Schon traurig, wenn Lehrer Pflege unterrichten und noch nicht einmal wissen, von was sie reden.
  2. Problem ist der Praxis-Theorie-Transfer. Ein Pflegefremder kann selber kaum theoretische Kenntnisse mit der Praxis verbinden, verlangt das aber von den Auszubildenden.
  3. Problem ist die Trennung von Theorie und Praxis. Das ist in der Realität gar nicht möglich. Der Pflegelehrer ist gezwungen, die sogenannte Theorie mitzuunterrichten, um den Praxis-Theorie-Transfer zu ermöglichen. Dazu fehlt ihm in der Regel die Zeit. Zusätzliche Erschwernis ist, dass er immer nur die halbe Klasse im Unterricht hat, also für die zwei Praxisgruppen alles doppelt vermitteln muss. Und obendrein darf er sich auch noch mit eindeutigen Fehlern des "Theorielehrers" herumärgern. Ist der Studienrat besonders inkompetent, erwartet er, dass der Praxislehrer seine fachlichen Fehler übernimmt (Was nun wirklich nicht geht) oder dass die Schüler zwei Versionen des gleichen Unterrichtsstoffes lernen müssen, eine falsche und eine richtige (Das ist Irrsinn).
  4. Problem ist beispielsweise, wenn Kollegen die Ausbildung nutzen, um ihre rein persönlichen Vorstellungen in die Ausbildung einzubringen. Beispiel: Als alternative Heilmethode wird wertvolle Unterrichtszeit verplempert, weil man unbedingt für Schüßler-Salze Werbung macht. Ich lasse es lieber unkommentiert.
  5. Problem ist inkompetente Einmischung von pflegefremden Schulleitern. Da schwänzen Schüler wochenlang das Praktikum, sind unzuverlässig, lügen, dass sich die Balken biegen, fälschen ihre Anwesenheitslisten (Urkundenfälschung). Oder Schüler werden im Praktikum dabei erwischt, dass sie Betreute bestehlen, eindeutig überführt mit stichhaltigen Beweisen. Logisch, solche Schüler sind sofort, d. h. fristlos, aus Ausbildung und Pflege zu entfernen. Für jede Alten-, Kranken-, Heilerziehungspflegeschule eine ganz klare Sache. An einer Berufsfachschule für Sozialpflege ist das nicht unbedingt so klar. Da muss man nur beim pflegefremden Schulleiter lange genug auf die Tränendrüse drücken und schon darf man seine Ausbildung weitermachen. Für den Pflegelehrer, der dieses Subjekt weiter unterrichten muss, ist das, unwissenschaftlich aber verständlich deutsch ausgedrückt, ein glatter Schlag in die Fresse. Bekommen so etwas die Kollegen aus der Praxis mit, ist nicht etwa der pflegefremde Schulleiter unten durch, sondern der Pflegelehrer und die anderen Schüler dieser Sozialpflegeschule.

Problem mit der Fachlichkeit der Regierung

  1. Problem sind die zentralen schriftlichen Prüfungen. In den Prüfungsaufgaben gibt es immer wieder fachliche Fehler, Fehler im Lösungsschlüssel. Korrekturen nach einem solchen fehlerhaften Lösungsschlüssel würde bedeuten, richtige Antworten als falsch zu erklären. Es gibt Fallbeispiele, da fragt man sich wirklich, aus welchem Jahrhundert die Erstellerin der Aufgabe stammt. Da werden in der schriftlichen Prüfung für Pflege und Betreuung plötzlich Fragen aus dem Fach „Grundlagen der Pflege und Betreuung“ gestellt. Oder es gibt Fragen zum Unterrichtsstoff der zehnten Klasse, was nicht statthaft ist. Oder es werden Fragen zu Krankheitsbildern gestellt, die überhaupt nicht im Lehrplan aufgeführt sind. Für Prüfungsaufgaben beauftragt die Regierung rundum die diversen Pflegeschulen. Bitteschön, wer in der Regierung wählt solche Prüfungen aus? Wer überprüft dort die Prüfungen auf Richtigkeit? Wenn die Regierung Berufsfachschulen für Pflege betreibt, hat sie gefälligst dafür zu sorgen, dass entsprechend kompetente Leute die Prüfungen vorher auf ihre Richtigkeit überprüfen.
  2. Problem ist der Lehrplan. Die Sozialpflege bildet Fachpflegehelfer aus, keine Fachkräfte. Fachpflegehelfer werden für die Grundpflege, nicht für die Behandlungspflege ausgebildet. Beispiel Umsetzungshilfen zu den Lehrplanrichtlinien der BFS für Sozialpflege: 10. Klasse / Pflege und Betreuung / Lernfeld 2 / Menschen mit speziellen Erkrankungen pflegen und betreuen: Anordnungen von Ärzten und Fachkräften umsetzen, Ohren-, Augen- und Nasentropfen verabreichen, Salben auftragen, Wickel und Auflagen anlegen = Behandlungspflege. 11. Klasse / Pflege und Betreuung / Lernfeld 1 / Prophylaktische Maßnahmen durchführen und bei der Durchführung ärztlicher Verordnungen mitwirken: Mitwirkung bei ärztlichen Verordnungen, Richtlinien im Umgang mit Medikamenten, Applikationsformen = Behandlungspflege. 11. Klasse / Pflege und Betreuung / Lernfeld 2 / Menschen mit speziellen Erkrankungen pflegen und betreuen: Assistenz bei der Verabreichung von Medikamenten, beim Verbandwechsel, beim Absaugen, bei der Sauerstoffgabe, beim Kathederwechsel, bei Stomaversorgung = Behandlungspflege. Bei den knapp bemessenen Unterrichtsstunden, die im Grunde genommen nur oberflächliche Bearbeitung zulassen, werden also Stunden für Inhalte vergeudet, die einen Fachpflegehelfer im Grunde genommen nichts angehen, aber gerade dazu ermutigen, seine Kompetenzen zu überschreiten. Das ist verantwortungslos. Wer erstellt solche Lehrpläne? Ist der Regierung nicht klar, wen sie da ausbilden?
  3. Problem ist die Reihenfolge der Lernfelder. Irgendwann so nebenbei wird in den Umsetzungshilfen zu den Lehrplanrichtlinien der BFS für Sozialpflege Demenz (Jahrgangsstufe 11 / Lernfeld 2) berücksichtigt. Dummerweise sind die Demenzerkrankten in der stationären Pflege eine Hauptgruppe, die auf Berufsanfänger oft genug einen erheblichen Eindruck machen. Wie sollen sie damit umgehen, darauf reagieren, es verstehen? In der 11. Klasse „schon“ Demenz zu unterrichten heißt, Schüler geplant im Stich zu lassen und etliche vorsätzlich aus der Pflege zu jagen. Bedenkt die Regierung eigentlich, dass die Pflege dringend Nachwuchs benötigt?
  4. Problem ist die Negierung wesentlicher Unterrichtsinhalte wie beispielsweise PTBS/PTR, Validation, Psychobiografisches Pflegemodell, Korsakow-Syndrom, Pflegegeschichte, kultursensible Pflege, Nachhaltigkeit usw usw.
  5. Problem ist die Klientelfremdheit. In der Berufsfachschule Sozialpflege habe ich es mit sehr jungen Berufsanfängern (Mehrheitlich 14 bis 17 Jahre) zu tun. Diese Schüler werden im Lehrplan überhaupt nicht berücksichtigt, denn auf ihre psychosoziale Entwicklung wird überhaupt nicht eingegangen. Wie gehen sie zum Beispiel mit ihren Gefühlen wie Scham, Ekel, Trauer um? Wie kommen sie mit Intimität oder Isolation zurecht? Das ist verantwortungslos.
  6. Problem ist die fehlende Organisierung der Anforderungen in der Praxis. Leistungsbeurteilungen, Ausbildungspläne oder Bewertung von Tagesberichten kann jede Lehrkraft „frei nach Schnauze“ gestalten. Das führt zu erheblichen Qualitätsunterschieden in der Ausbildung. Lehrbücher unterliegen keiner Kontrolle, es existieren keine Empfehlungen zu geeigneten Lehrmaterialien. Da werden an Berufsfachschulen für Sozialpflege „Fachbücher“ benutzt, die fehlerhaft sind und ihrem Anspruch nicht gerecht werden. Von der Pflege erwartet man Qualität. Die Regierung als Träger einer Pflegeausbildung benötigt keine Qualitätsmerkmale?
  7. Problem ist die mangelhafte Förderung von lernschwachen Schülern, die allerdings in der Praxis sehr gute Leistungen erbringen. Vermittlung von Lernstrategien? Fehlanzeige!
  8. Problem ist der Einsatz von pflegefremden Lehrern in der Pflege. Weil der Freistaat Bayern seinen Überschuss an Studienräten beschäftigen muss, geschieht das auf dem Rücken der Pflegelehrer und Qualität des Unterrichtes. Studienräte und pflegefremde verbeamtete Praxislehrer erhalten keine Schulung in Pflege und müssen auch keinen Nachweis erbringen, eine entsprechende Fachlichkeit zu besitzen. Die Regierung im Freistaat Bayern beweist damit sehr deutlich, was sie von Pflege im Allgemeinen hält: Nichts.

Problem mit den Arbeitsbedingungen für Pflegelehrer

  1. Problem: Lehrkräfte für Pflegeberufe werden nicht verbeamtet. Das hat weitreichende Folgen in der Beschäftigungssicherheit und Entlohnung und damit auch auf Renteneinzahlungen.
  2. Problem: Eine Lehrkraft für Pflegeberufe wird beispielsweise nach 30 Jahren Berufserfahrung in der Pflege an einer staatlichen Schule als Berufsanfänger eingestuft. Berufserfahrung muss sie haben, anerkannt wird sie finanziell nicht. Wieder mit weitreichenden Folgen in der Entlohnung und damit auch auf Renteneinzahlungen.
  3. Problem: Pflegepädagogen können theoretisch verbeamtet werden. Dabei gibt es eine eindeutige Benachteiligung gegenüber anderen Fachlehrern. Beispielsweise kann jemand nach neun Jahren Mittelschule Tischler lernen (drei Jahre), macht seinen Meister (ein Jahr; wird gleichgesetzt mit Bachelor), macht ein Jahr seinen Fachlehrer und ist nach fünf Jahren Beamter auf Probe. Ein Pflegepädagoge hat nach der Mittleren Reife (ein Jahr länger) die dreijährige Ausbildung als Altenpfleger oder Gesundheits- und Krankenpfleger, macht Abitur (drei Jahre länger), studiert Pflegepädagogik (drei bis vier Jahre, meist vier Jahre), macht ein Jahr seinen Fachlehrer und ist mit Glück und minimaler Studienzeit nach elf Jahren Beamter auf Probe. Langfristig rutscht er dem Tischler betreffs Entlohnung immer sechs Jahre nach, was sich auch in der Pension bemerkbar macht.
  4. Problem: Lehrkräfte für Pflegeberufe bekommen in den ersten zwei Jahren Zeitarbeitsverträge. Über das Thema Zeitarbeitsverträge muss man echt nicht diskutieren.
  5. Problem: Der Freistaat Bayern versucht immer, Pflegelehrer mit einer unterhälftigen Teilzeit zu beschäftigen (Davon kann keiner leben und erst recht nicht eine Familie ernähren). Logischerweise zu den gleichen Bedingungen wie vollzeitbeschäftigte Lehrer mit Teilnahme an allen Fachkonferenzen und Schulveranstaltungen (Womit sich ein Zweitjob erledigt hat).
  6. Problem: Der Betreuungsschlüssel für die Praxis ist blanker Hohn. Durch die Hintertür wird schon mal die reale Arbeitszeit der Pflegelehrer erhöht, denn in der Praxis werden die Stunden mit 60 statt mit 45 Minuten berechnet. Dann werden für die 10. Klassen drei Unterrichtsstunden a 45 Minuten statt 60 Minuten angerechnet, für die 11. Klassen vier Unterrichtsstunden. Diese Zeit reicht gerade mal aus für einen Schüler mit einem einzigen Praxisbesuch im Schulhalbjahr, wohlgemerkt ohne Fahrtzeit. Wünschenswert wären aber zwei Besuche pro Schulhalbjahr, nämlich ein Beratungsbesuch und ein benoteter Besuch, um wirklich die Qualität der praktischen Ausbildung zu sichern. Um aber alle Schüler betreuen zu können, müssen mindestens drei Schüler pro Praktikumstag besucht werden mit dazugehörigen Fahrtzeiten. In der Realität heißt das, dass die Pflegelehrer Woche für Woche wenigstens fünf Stunden täglich umsonst arbeiten müssen, bei großen Klassen können es aber auch ohne weiteres zehn Arbeitsstunden und mehr wöchentlich sein, die man nicht bezahlt bekommt. Wohlgemerkt, wenn man bei der Berechnung der Betreuungszeiten auch die Ferienzeiten berücksichtigt. Fahtzeiten und eine Vor- und Nachbereitungszeit der Praxisbesuche wird nicht erstattet.
  7. Problem: Es wird kein Diensthandy gestellt, der Pflegelehrer muss aber für die Schüler telefonisch erreichbar sein (Beispielsweise bei Fehltagen oder Probleme im Praktikum).
  8. Problem: Es wird kein Dienstwagen gestellt. Um sein Benzingeld zurückzubekommen, muss man einen aberwitzigen stundenlangen Bürokratismus mitmachen. Verschleiß des eigenen Fahrzeugs wird nicht erstattet.
  9. Problem: Es gibt einen Personalrat. Die verbeamteten Kollegen im Personalrat blocken erfahrungsgemäß die Probleme der angestellten Pflegelehrer ab. Und Personalräte, in denen eine erweiterte Schulleitung sitzt - lieber kein Kommentar.

Fazit:

 

Mit Sozialpflegeschülern zu arbeiten macht Spaß. Es ist schön, diese jungen Leute in das Erwachsenenalter zu begleiten und den Weg in die professionelle Pflege zu ebnen. Eigentlich ist es ein Traumjob.

 

Die Rahmenbedingungen an einer staatlichen Schule sind allerdings fragwürdig. Eine Lehrkraft für Pflegeberufe oder ein Pflegepädagoge mit entsprechender Fachlichkeit muss seine Fachlichkeit, Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Schülern und seine Qualitätsansprüche betreffs Ausbildung an der Eingangstür zur Schule ablegen. Dafür sollte er leidensfähig sein, stets für fachlich unterbelichtete Kollegen Verständnis haben und bereit sein, sich grenzenlos ausbeuten zu lassen. Solche Rahmenbedingungen verursachen erheblichen Disstress und machen langfristig krank.

 

Kann ich die Arbeit an einer staatlichen Berufsfachschule für Sozialpflege als Lehrkraft für Pflegeberufe empfehlen? Eindeutig NEIN!

 

 

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