Die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll wurde 1852 als "Königliche Kreisirrensanstalt Karthaus-Prüll" in einem ehemaligen Kloster errichtet und verfolgte bis 1933 Reformen wie eine wohnliche Umgebung, freie und aktive Arbeitstherapie und musikalische und künstlerische Förderung der Patient*innen.

 

Mit der Machtübernahme durch die Nazis verschärfte sich die Situation der Patient*innen. Der damalige Klinikdirektor verteidigte zwar weiterhin das Lebensrecht psychisch kranker Menschen, unterstützte aber das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Bis 1939 wurden circa 600 Patient*innen zwangssterilisiert.

 

Ab 1938 wurde der stramme Nazi Paul Reiß Direktor der Anstalt und setzte das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten um und erstellte mit die Meldebögen für die T4-Aktion und war verantwortlich für die Transporte zur Zwischenanstalt Niedernhart. Fünf Transporte aus der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll gingen direkt in der Zeit vom November 1940 bis Anfang August 1941 in die Mordfabrik Hartheim. Über 600 Patient*innen wurden dort durch Gas ermordet, auch Weidener Bürger*innen.

 

Nachdem die T4-Aktion eingestellt wurde, übernahm man ab 30.11.1942 in Karthaus-Prüll mit dem sogenannten „Hungerkost-Erlaß“ des Bayerischen Staatsministers des Inneren das Morden selber.

 

Erlass des Bayerischen Staatsministers des Inneren vom 30.11.1942 (gemeinfrei)

 

Unter Hungerkost wurde die Verabreichung einer fett- und fleischlosen Sonderkost („E-Kost“) mit wenig Kohlehydraten verstanden. In Wasser wurde meistens ausschließlich minderwertiges Gemüse gekocht. Die Flüssigkeit und Ballaststoffe gaukelten den Betroffenen eine Sättigung vor, um sie zunächst ruhig zu stellen, bis sie durch die Unterernährung und Entkräftigung in Lethargie verfielen. So umging man, dass die Patient*innen bei völligem Nahrungsentzug revoltierten. Ziel der Hungerkost war der Tod „arbeitsunfähiger“ Patient*innen nach spätestens drei Monaten. 

 

Reiß ließ eine Hungerstation einrichten, in der Patient*innen vorsätzlich und geplant durch Verwahrlosung, Kälte und Hungerkost ermordet wurden. Es wurde auch mit überdosierten Medikamenten wie Schmerz-, Schlaf- oder Narkosemedikamenten, meist Luminal, "nachgeholfen". 

 

Schätzungsweise wurden 950 Patient*innen Opfer der sogenannten „Wilden Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll, darunter dreizehn Menschen aus Weiden, die auch namentlich bekannt sind. Das 14. Opfer der „Wilden Euthanasie“, Anton Bandhauer, starb in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee.

 

 

 

 

 

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