Margareta Schottenhammel, geboren am 25.5.1900 in Goldbachschleife (auch Goldbachschleif), wuchs zusammen mit ihren vier Geschwistern in einer Glasschleifer-Familie in Goldbachschleife und Riglasreuth in der Oberpfalz auf. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von großer Armut. Die Familie verdingte sich als Tagelöhner in den zahlreichen Glasschleifen der Gegend. Hier wurde in drei Schichten gearbeitet und geschlafen. Alle Familienmitglieder, auch die Kinder, sobald sie groß genug waren, mussten diese gesundheitsschädigende und zermürbende Arbeit leisten. Die Familie lebte, gemeinsam mit den anderen Glasschleiferfamilien, sehr beengt auf dem Werksgelände. 

 

Der Gemeinschaftsraum war für alle gleichzeitig Schlaf-, Wohn-, Koch-, und Arbeitsraum. Der Raum war von giftigem Glas- und Quarzstaub überzogen, Wände und Fußböden durchnässt und faulig. Im Keller der Gebäude wurde das Glas mit durch Chemikalien angereichertem Wasser geschliffen, im Gemeinschaftsraum mussten Kinder und Erwachsene die Glasscheiben mit Quarzsand polieren. Bei Wasserknappheit durch beispielsweise Frost oder Dürre gab es keine Arbeit und damit auch kein Geld. Der geringe Lohn reichte so schon kaum zum Überleben, Rücklagen waren kaum möglich. Um diese arbeitslosen Zeiten zu überbrücken, suchten die Glasschleifer und ihre Familien dann nach vorübergehender Tagelohnarbeit bei den umliegenden Bauern, die die Not der Menschen in der Regel schamlos ausnutzten, sie zu Hungerlöhnen hart schuften ließen.

 

Trotz dieser harten Lebensbedingungen waren diese Familien nicht gut angesehen und ihre Mitmenschen betrachteten sie mit Misstrauen. Grund dafür: sie waren besitzlos, arm und lebten in erbärmlichen Verhältnissen. Essen war knapp. Durch die Tätigkeit in den Glasschleifen wurde ihre Gesundheit massiv in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Arbeitskraft wurde rücksichtslos ausgebeutet von Firmen, die die veredelten Glasprodukte wie Spiegel und Glasperlen gewinnbringend in alle Welt exportierten. 

 

Um der ständigen Armut, dem Elend und der Aussichtslosigkeit zu entkommen musste Margareta die Oberpfalz verlassen und suchte ihr Glück in Leipzig, Erlangen und Nürnberg. Sie war 28 Jahre alt, als sie sich in München niederließ. Am 7.5.1933 heiratete sie dort den Baggerführer Johann Obermeier, geboren am 6.2.1897 in Freising. Warum und woran die Ehe scheiterte, ist bis jetzt nicht bekannt. Zu ihrem Ehemann gibt es bisher auch keine Informationen. Die Ehe wurde am 16.5.1935 geschieden. Anderthalb Monate später war das Scheidungsurteil über die kinderlose Ehe rechtskräftig.

 

Margareta verdiente sich ihr Geld in Bars und Bordellen. Offiziell stand sie unter „Sittenkontrolle“, wie es von Seiten des Amts hieß. Das Geld war auch hier mehr als knapp und so begann sie Diebesgut zu verkaufen, um ihren notwendigen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Immer wieder wurde sie wegen Prostitution und Diebstahls für wenige Tage inhaftiert. 1940 verurteilte sie das Landgericht München zu vier Jahren Zuchthaus, die sie in der Frauen-Strafanstalt Aichach verbrachte. Da die Zahl der Gefangenen ab 1933 stark anstieg, war diese Haftanstalt schnell restlos überfüllt. Mehr als 100 Frauen wurden zwangssterilisiert, hunderte in Konzentrationslager deportiert.

 

Margareta Obermeier hatte ihre Strafe voll verbüßt zu den damaligen Bedingungen in den Gefängnissen und Zuchthäusern mit unbezahlter Zwangsarbeit, schlechter Verpflegung, unhaltbaren hygienischen Zuständen. Dennoch kam sie über eine weitere Haftanstalt 1943 in das KZ Ravensbrück unter der Häftlingsnummer 25174. Ihre Einweisung in ein Konzentrationslager nach verbüßter Haft hatte mit Rechtsstaatlichkeit nichts gemein.

 

Im KZ Ravensbrück war sie als "Politische" registriert. In Ravensbrück war ihr Name auf einer Liste vermerkt, auf denen Frauen standen, die eine Beziehung zu "Nichtariern" hatten und daher als "politische Häftlinge" galten.

 

Am 1.9.1944 wurde sie unter der Häftlingsnummer 51138 in das Flossenbürger Außenlager Graslitz (Kraslice) überstellt. Im KZ Flossenbürg war sie im Gegensatz zum KZ Ravensbrück als „asozialer“ Häftling mit dem grünen Winkel registriert. Vermutlich wurde sie vom KZ Flossenbürg als "asozial" eingestuft aufgrund ihrer Vorstrafen, die sie allerdings restlos abgebüßt hatte.

 

Der grüne Winkel (asozial oder gemeinschaftsunfähig) war nicht nur eine extreme Demütigung, sondern bedeutete für diese Personen zudem, dass sie in der Häftlingshierarchie des KZs ganz weit unten landeten. Die Tatsache, nicht wie zuvor im KZ Ravensbrück mit dem roten Winkel (politisch) eingestuft zu werden, sollte für Margareta weitreichende Folgen für ihr späteres Leben haben. 

 

Die Häftlinge mussten in Tag-und Nachtschichten für das Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde GmbH (LGW), ein Tochterunternehmen des Siemens-Konzerns,unter schwersten Bedingungen Zwangsarbeiten für die Rüstungsindustrie leisten.

 

Im April 1945 wurde das Lager aufgrund der anrückenden alliierten Truppen geräumt und die Frauen von der SS Richtung Marienbad (Marianske Lázně) gejagt. Auf dem Todesmarsch kommt es zu Erschießungen von Häftlingen, die nicht mehr in der Lage waren zu marschieren. Margareta Obermeier gehörte zu den Überlebenden, die Ende April, Anfang Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurden.

 

Nach Kriegsende zog die nun 45jährige Margareta nach Weiden. Sie litt stark unter den gesundheitlichen Folgen der KZ-Haft und konnte nicht mehr körperlich arbeiten. Eine leichte Bürotätigkeit blieb ihr vermutlich auf Grund ihrer, wenn überhaupt, geringen Schulbildung verwehrt. Das Geld der Wohlfahrtsunterstützung reichte hinten und vorne nicht, um davon menschenwürdig leben zu können.

 

Nachdem sie ab 1945 provisorisch in Weiden unterkam und mehrmals umzog, wohnte Margareta ab 1950 in einem winzigen, heruntergekommenen Zimmer in Weiden, Hinter der Mauer 5, und ihre letzten Lebensmonate in der Fleischgasse 14. Weil sie nicht als NS-Verfolgte anerkannt wurde, erhielt sie keinerlei Hilfe, keine Entschädigung und das Wohnungsamt wies ihr auch keine bessere Unterkunft zu.

 

Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit kämpfte sie jahrelang vergeblich um Wiedergutmachung. 1956 schickte das Internationale Rote Kreuz an das Bayerische Landesentschädigungsamt eine „offizielle Ergänzung“ der Inhaftierungsbescheinigung. Es wurde darauf hingewiesen, dass für Margareta Obermeier als Kategorie oder Grund der Inhaftierung „polit“ (politisch) galt. Das Bayerische Landesentschädigungsamt änderte dennoch die Einstufung als „aso“ (asozial) nicht. Kam diese Mitteilung nicht an oder wurde sie absichtlich negiert? Es darf nicht vergessen werden, dass oft genug in den Behörden die gleichen Beschäftigten saßen und urteilten, die vorher unter den Nazis das Unrechtregime mit ihrer Arbeit tatkräftig unterstützt hatten.

 

Für Margareta bedeutete es, dass sie nach der NS-Zeit für die Behörden als „Asoziale“ keinen Anspruch auf eine Wiedergutmachung hatte. So starb Margareta Obermeier, ohne jemals eine Entschädigung erhalten zu haben, auch nicht für die jahrelange Zwangsarbeit, die sie leisten musste und für die nie Rentenbeiträge entrichtet wurden, am 9.9.1976 in bitterer Armut in Weiden.

 

Sie zählt zu den zahlreichen Verleugneten und steht stellvertretend für alle von der NS-Herrschaft als „ Asoziale“ geschmähten Menschen. Durch die NS-Ideologie eines „reinen“ Volkes mussten sie die Erfahrungen der gesellschaftlichen Ausgrenzung, Stigmatisierung und Verfolgung machen. Die Ideologie endete nicht 1945. Menschen wie Margareta Obermeier, die in Armut hineingeboren wurden, chancen- und besitzlos blieben, oftmals nur eine unzureichende Schulbildung hatten, wurden und werden weiterhin verachtet und missachtet. Statt ihrer zu gedenken, das ihnen angetane Unrecht zu erkennen, werden sie auch heute noch verurteilt mit Statements wie „selbst verschuldet“.

 

Erst am 13.2.2020 erkannte der Deutsche Bundestag das Unrecht an, dass die von den Nazis gebrandmarkten Menschen als "Berufsverbrecher" und "Asoziale" erfuhren. Endlich wurden auch sie als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Für Margareta und die meisten Opfer mit dem schwarzen oder grünen Winkel zeigte diese Entscheidung keine Wirkung mehr. Es lebte kaum noch jemand, der dadurch einen Anspruch auf Entschädigung oder Wiedergutmachung hatte.

 

Auch wenn diese mehr wie überfällige Anerkennung als NS-Opfer Margareta persönlich nichts mehr nutzte, bedeutete es eine, wenn auch sehr späte, Rehabilitation. Endlich wurde politisch die Häftlingshierarchie, auf der das Nazi-Regime fußte, durchbrochen. Es bietet die Chance zur Aufarbeitung der Nazizeit ohne Vorurteile und frei von Geschichtsverzerrungen. Deshalb fordern wir als Erinnerungsgruppe Oberpfalz der OMAS GEGEN RECHTS, auch für Margareta Obermeier einen Stolperstein zu verlegen, um das Unrecht an ihr als NS-Opfer zu verdeutlichen, auch das Unrecht nach 1945, dass sie erfahren musste.

 

 

 

 

 

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